Ines Allmann - Gemeindegesichter

In diesen regnerischen und kalten Tagen fallen mir immer mal wieder die Zeilen von Eichendorffs Mondandacht ein ...

Es war, als hätt der Himmeldie Erde still geküsst,
dass sie im Blütenschimmer von ihm nun träumen müsst.
Die Luft ging durch die Felder, die Ähren wogten sacht,
es rauschten leis die Wälder, so sternklar war die Nacht.
Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande,als flöge sie nach Haus.“

Sicherlich war das Gedicht nie mein Favorit in der Schule.
Das Zittern in der Deutschstunde, wenn man per Zufallstreffer ausgelost wurde und das Gedicht aufsagen musste …
Diese fünf Minuten vorne an der Tafel fühlten sich dann wie Jahre, gar Jahrzehnte an! Ein Graus für mich!

Heute sehe ich das etwas anders:
Tatsächlich fallen mir immer wieder genau die Zeilen ein, die ich beim Aufsagen in der Deutschstunde vergessen habe.
Das Erinnern und Vergessen hat mich in der letzten Woche stark beschäftigt. Wissen Sie noch, was Sie letzten Dienstag getan haben?
Ich selbst müsste auch erst einmal nachdenken, was dort alles gewesen ist. Immerhin habe ich ein kleines rosa Notizbüchlein, in dem ich mir alles zum Praktikum und zum Ablauf notiere.

Vielleicht ist Ihnen selbst dieses Büchlein in einer Begegnung mit mir schon einmal begegnet.
Ich schreibe mir dort keine Geheimnisse oder Schlechtigkeiten Anderer auf, sondern einfach ein paar Dinge zum Ablauf des jeweiligen Tages.
Wie gut das tut, am Ende des Tages jemanden zu haben, dem man diese Dinge sagen oder schreiben kann.

In dieser Woche kamen neben Trauergespräch, Taufgespräch, dem Theologischen Austauschtag und verschiedener Gremienarbeit einige Dinge zusammen.
Das ist dann ganz und gar nicht wie in der Deutschstunde oder in einer anderen unbeliebten Tätigkeit.
Der Zufall ist auch nicht eine Lehrerin oder ein Konfirmanden-Glücksspiel. Nein, man hat geradezu den Eindruck, dass hier auf Erden die Zeit dahinfliegt. Wie gut ist es, dann bei Gott der Seele ihre Flügel ausspannen zu lassen und dann die Zeit und die Gespräche mit anderen zu genießen.
Solche Momente sind es, die man im Studium eher seltener findet, aber genau solche sind es, die den Pfarrberuf für mich ausmachen und bereichern.

Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie die Zeit finden, ihre Seele fliegen zu lassen.
Ihre Ines Allmannn

 

Bild aus Bonyhád (Ungarn) 2017